
Seit Jahren gedenken am 9. November Antifaschistinnen und Antifaschisten den Opfern der Pogrome im Jahr 1938. Bundesweit finden an diesem Tag Mahnwachen, Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen statt. Nicht so im Jahr 2009. Anstelle eines stillen Gedenkens fallen sich am Brandenburger Tor zwei „Riesen“, gefolgt von Deutschland, in die Arme. Die Einheit Deutschlands übertönt am 9. November 2009 die Erinnerung an die Opfer der Shoah.
Leider ist dies kein Einzelfall, ein seelisch moralisch verwerflicher Fauxpas der einer unglücklichen Terminüberschneidung geschuldet ist, sondern symptomatisch für den Wandel der deutschen Erinnerungskultur. Die „Schlussstrich“-Rhetorik rechtskonservativer Kräfte hat die Mitte der Gesellschaft erreicht und ist auch bei Samy Deluxe angekommen.
Eine zweite Tendenz im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs kann folgender Maßen benannt werden: Man ist zwar darauf bedacht, nicht offensichtlich die Schuld an den Ereignissen des 2. Weltkriegs abzustreiten, doch werden Täter_innen Schritt für Schritt zu Opfern mythologisiert. „Die öffentliche Auseinandersetzung mit den konkreten Verbrechen des Faschismus tritt hinter der deutschen Opfererinnerung zurück“ (Gerd Wiegel), so werden etwa die Vertriebenen in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu „Hitlers letzte(n) Opfer(n)“ umgedeutet.
Massentauglich ist auch die Entwicklung dahin gehend, dass die deutsche Opfererinnerung die Opfer des Faschismus und die des Realsozialismus zumindest institutionell gleich setzt. Das Gedenkstättenkonzept des Bundes beispielsweise sieht einen Nachholbedarf in Bezug auf DDR-Gedenkstätten, was gleichbedeutend mit einer Schwerpunktverlagerung ist. Die Aufweichung der Singularität des Holocaust durch Vergleiche und Gleichsetzungen wird so unweigerlich im Sinne der Totalitarismustheorie voran getrieben. Unter anderem mit diesem Thema beschäftigt sich Gerd Wiegel in dem von ihm herausgegebenen Buch „Sichtbare Zeichen. Die neue deutsche Geschichtspolitik – von der Tätergeschichte zur Opfererinnerung“, welches Thema der ersten Veranstaltung dieser Reihe ist.
Und als ob die genannten miteinander in Beziehung stehenden Tendenzen in der öffentlichen Auseinandersetzung noch nicht genug wären, treiben es am 13. Februar tausende von Neonazis in erschreckender geistiger Nähe mit Dresdener Bürger_innen („Sie tun das richtige aus den falschen Gründen“) auf die Spitze: Nicht nur werden vermeintliche Opfer des alliierten Bombenangriffs konstruiert, sondern diese von Einigen auch noch benutzt um eine Aufrechnung mit den Opfern des Holocaust zu erreichen. Dresden gilt heute als Symbol deutscher Unschuld. In einer zweiten Veranstaltung zerlegt Gunnar Schubert anhand seines Buches „Die große Unschuld“ den „great Dresden swindle“ in seine Bestandteile und stellt die einzelnen Lügen (die „militärisch sinnlosen Terrorangriffe“, die Tiefflieger, die Zahl der Toten) den Tatsachen gegenüber.
Den Abschluss der Reihe bildet eine Mobilisierungsveranstaltung gegen die Widerwärtigkeiten rund um den 13. Februar in Dresden.

Marburg
Vortrag von Gerd Wiegel: Di., 12.1. 20:30 im Café am Grün
Lesung mit Gunnar Schubert: Do., 28.1. 20:30 im Havanna8
Mobiveranstaltung: So., 7.2. 16:30h im Havanna8 (im Antifa-Café)
Frankfurt
Vortrag von Gerd Wiegel: Mi., 13.1. 19:30h Faites votre jeu!
Lesung mit Gunnar Schubert: Mi., 27.1. 19:30 Faites votre jeu!
Mobiveranstaltung: Mi., 3.2. 19,30h Faites votre jeu!
Darmstadt
Lesung mit Gunnar Schubert: Di., 26.1. 20h Oetinger Villa
Mobiveranstaltung: Mo., 1.2. 20h Oetinger Villa (ab 19h A-Café mit Vokü)
Dresden
12. Februar 2010, 18 Uhr, Jorge-Gomondai-Platz
DEMONSTRATION GEGEN DEUTSCHE OPFERMYTHEN
13. Februar 2010
AKTIONEN GEGEN GEDENKEN UND NAZIS
Veranstaltungsreihe des Bündnisses antifaschistischer Gruppen Hessen (B.A.S.H.)