[Frankfurter Rundschau, 01.11.2010]

Fundamentalist begeistert Jugendliche

Pierre Vogel ist eine schillernde Persönlichkeit: Evangelisch getauft, Preisboxer, jetzt fundamentalistischer islamischer Prediger. Bei seinem Auftritt in Offenbach wird der extrem Konservative gefeiert wie ein Popstar – auch wenn er eine ganz andere Welt verkörpert.

Offenbach –

Die drei jungen Frauen aus der Jahrgangsstufe zwölf des Rudolf-Koch-Gymnasiums haben sich durch die Menschenmenge auf dem Offenbacher Marktplatz ganz nach vorn bis zum rot-weißen Flatterband in die Nähe des Mikrofons durchgekämpft. Die Teenager sind an diesem Samstagnachmittag wie rund 400 andere gekommen, um den Islam-Prediger Pierre Vogel live zu erleben. „Wir kennen ihn eigentlich schon, denn in PoWi haben wir über ihn gesprochen. Jetzt wollen wir ihn mal erleben“, sagt eine 18-jährige Oberstufenschülerin, die deutlich macht, dass sie die Sprüche des Konvertiten nicht mag.

„Hallo ihr da, ihr müsst da rüber auf die andere Seite, dort stehen die Frauen“, sagt einer der Ordner zu den drei Schülerinnen. Die sind völlig irritiert von dieser Anweisung und wollen von dem Mann mit dem vor dem Kehlkopf spitz zulaufenden luftigen Bart gleich wissen, warum sie nicht auf ihrem Platz bleiben dürfen. „Frauen fühlen sich nicht wohl unter Männern“, antwortet der Ordner, dessen weißes Gewand kurz über den Schuhen endet. „Frauen und Männer zusammen, das ist unzüchtig“, sagt er. Die Schülerinnen schütteln den Kopf und bleiben. Der Ordner dreht sich ab.

Pierre Vogel lässt sich Zeit an diesem Nachmittag. Sein Mitarbeiter namens Hamza geht in dem abgesperrten Karree mit dem Mikrofon in der Mitte nervös hin und her und wartet auf seinen großen Bruder im Geiste. Der erscheint gegen 16 Uhr und sorgt dafür, dass plötzlich Hunderte von Handys und iPods hochgehen. Das überwiegend jugendliche Publikum will sein Idol unbedingt ablichten oder filmen.

Warum begeistert der Konvertit so viele junge Muslime? Er habe eine charismatische Ausstrahlung, sagt eine 17-jährige Schülerin, die ein schwarzes Kopftuch trägt. So will es Pierre Vogel haben: „Kopftuch ist Pflicht, habt Mut“, ruft er den Frauen auf dem Marktplatz zu. „Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern spricht aus, wie es ist. Der Islam ist die beste Religion“, sagt die Schülerin weiter.

Der Islam-Prediger polarisiert. Anfangs serviert er Plattitüden, wie „die Aneignung von Wissen ist sehr wichtig“ oder „wir müssen alle etwas Positives für diese Gesellschaft tun“. Nach 20 Minuten kommt der radikale Prediger so richtig in Fahrt und teilt die Gesellschaft wie zwei Kombattanten beim Boxen in Blau und Rot. Jetzt beginnt Vogels religiöser und moralischer Vergleich einer vermeintlich zweigeteilten Welt, die aus „den Leuten im Westen“ und „uns Muslimen“ besteht.

Im Westen sei Genuss der Schlüssel zur Vernichtung. Der Konflikt dreht sich seiner Meinung nach darum, dass „wir hier leben, aber nicht der Meinung sind, dass die westliche Zivilisation optimal für uns ist“. Vogel versucht den Menschen, die sich emotional zwischen zwei Kulturen bewegen, einen Halt zu geben. Auf seinem Rezept stehen fünf Buchstaben: Islam.

Warum soll dieser die einzige Lösung sein? Wer ihn lebe, erfahren nur Gutes, sagt Vogel. Er habe aber auch gemerkt, dass viele Muslime den Koran gar nicht richtig kennen würden. „Der Islam muss verinnerlicht werden“, ruft er. Diesen Weg schlagen am Samstag gleich mehrere Menschen ein. Sie sprechen einen Schwur und konvertieren unter dem Beifall der Menschenmenge zum Islam.

Fundamentalismus

Pierre Vogel wurde evangelisch getauft und konfirmiert. Als Teenager war er Juniorenmeister im Boxen. Er studierte kurz Sozialwissenschaften und Geografie. 2001 konvertierte er zum Islam. Heute ist er der Kopf der islamischen Organisation „Einladung zum Paradies“.

Er bezeichnet sich als Fundamentalist, legt den Koran konservativ aus – wie die Vertreter des Salafismus, einer radikalen Strömung des Islams, den er für die allein heilbringende Religion hält. Der Verfassungsschutz beobachtet Vogel.

Die Antifa-Gruppe im Kreis Offenbach verurteilt den Auftritt Vogels, unter anderem wegen des propagierten absoluten Überlegenheitsanspruchs des Islam. Vogels Weltbild widerspreche einer emanzipatorischen Perspektive der Gesellschaft. Der Islamismus sei nationalistisch, autoritär, antisemitisch, stehe bürgerlichen Freiheiten im Wege und entwickele sich in Offenbach zu einem nicht zu unterschätzenden Problem, so die Antifa. Am 22. Januar will die Gruppe in Offenbach gegen rechtsradikales Gedankengut demonstrieren.