[Frankfurter Rundschau, 22.11.2010]

Frei-Räume gesucht

Neu-Isenburg. Kulturinitiative „ipunkt“ fordert Treffpunkt für junge Leute

Gut 40 zum Teil punkig oder schwarz gekleidete Jugendliche und junge Erwachsene sind am späten Samstagnachmittag, begleitet von einem Polizeiwagen, vom Neu-Isenburger Bahnhof zum Lokal Gleis 1 gezogen. Die Neu-Isenburger Kulturinitiative „ipunkt“ und die Gruppe „antifa [ko]“ hatten zu einem „Stadtspaziergang“ eingeladen, um ihre Meinung kundzutun.

Die Kulturinitiative fordert von der Stadt gerade für Jugendliche Räume, die sie selbst verwalten können – und die nicht von Pädagogen geführt werden. Bereits im September haben sie mit einem Konzert auf dem ehemaligen Gelände des kommunalen Dienstleistungsbetriebs (DLB) ihre Forderung öffentlich gemacht.

Seit dem habe es viele Gespräche mit Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel (parteilos) gegeben, berichtet Alice Blum, die Sprecherin der Initiative. „Doch die Stadt kommt nicht auf den Punkt“, sagt sie. Zwar habe Hunkel ihnen angeboten, über das Wochenende das Jugendcafé an der Brüder-Grimm-Schule zu nutzen. Doch das sei schon besetzt, und somit sei es nicht möglich, dort eigene Ideen umzusetzen. Damit ist zum Beispiel ein Raum gemeint, der für Graffiti genutzt werden kann. „Deshalb sagen wir es jetzt laut auf dem Stadtspaziergang“, so Alice Blum.

Sie haben die Kundgebung bewusst „Spaziergang“ genannt – und nicht Demonstration. „Eine Demo ist immer mit Ablehnung verbunden“, sagt Blum. „Wir wollen konstruktiv und nicht konfrontativ sein.“ Dennoch habe Bürgermeister Hunkel die Initiative gebeten, den „Spaziergang“ abzusagen. Er habe mit dem Ende der konstruktiven Zusammenarbeit gedroht, sagt eine junge Frau mit dem Spitznamen Kasie über die Lautsprecher.

„Das Problem ist, dass in Neu-Isenburg alle Orte, wo man hingehen könnte, um 18 Uhr zumachen. Das ist für die, die bis halb fünf in der Schule sind scheiße“, sagt Anton, einer der „Spaziergänger“. „Und dann haben da immer Pädagogen den Finger drauf – wir wollen aber was eigenes“, ergänt der 17-jährige Giro. „Das DLB-Gelände wäre für uns optimal“, sagt Patrick.

Verkauf verärgert Jugendliche

Dass die „antifa [ko]“ damit droht, sich einfach Räume zu nehmen, kann Alice Blum verstehen. Immerhin gebe es städtische Objekte, die seit fünf Jahren nicht genutzt werden. „Wir haben ein Gefühl von Anspruch darauf“, sagt sie.

Besonders ärgert sie sich über den Verkauf des Güterbahnhofs, in dem früher unter anderem Bands geprobt haben. Die Stadt verkaufte das Areal an einen niederländischen Investor, der das Gebäude für mehr als eine Million Euro sanierte. „Jetzt ist dort ein Luxusschuppen, für den Neu-Isenburg gar keine Bürger hat“, sagt Blum.