Rechtsextremismus
Eine hohe Dunkelziffer

Sticker der NPD oder einer „freien Kameradschaft“ prangen immer öfter an Schildern oder Laternen in der Stadt. In Bürgel, Bieber und im Nordend sind rechtsextreme und islamfeindliche Aufkleber besonders zahlreich. Die antifaschistische Gruppe Offenbach berichtet, Rechtsextreme hätten sich eine Weile im Leonhard-Eißnert-Park getroffen.

Im Stadion auf dem Bieberer Berg hissen Neonazis Reichskriegsflaggen, und rechte OFC-Fans tragen Pullover mit der Aufschrift „Ruhm, Ehre, Vaterland“. Das beobachtet die Antifa aus dem Kreis Offenbach. Radikalisieren sich die Rechtsradikalen in der Stadt?

Eine Nazi-Kameradschaft gibt es nach Erkenntnissen des Staatsschutzes in Stadt und Kreis Offenbach nicht. Eine Zunahme von Rechtsextremen verzeichnet er ebenfalls nicht. Aber die Beamten kennen einzelne Personen, die in der deutschlandweit vernetzten Szene aktiv sind.

Von aktiven Neonazis ohne feste Organisationsstruktur in Offenbach spricht auch Michael Weiss vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (Apabiz). Er verweist auf die von Apabiz kürzlich veröffentlichte Broschüre „Dunkelfeld“, das die neofaschistische Szene im Rhein-Main-Gebiet durchleuchtet. Die Informationen dazu stammen von den lokalen Antifa-Gruppen oder Einzelpersonen, die die Verhältnisse in ihrer Stadt gut kennen.

„Es gibt Regionen in Hessen, wo die Lage brisanter ist“, sagt Weiss. Er schätzt, dass in Stadt und Kreis eine „satte dreistellige Zahl“ an Rechtsextremen leben, die sich vor allem durch eine rechte Alltagskultur ausweisen.

Wie in anderen Städten auch sind viele Fußballfans in Offenbach in der Kickers-Szene akzeptiert. Allein in Heusenstamm soll es eine bis zu 20-köpfige Gruppe geben, die sich durch einschlägige Kleidung und Musik zu erkennen gibt. Einige sind namentlich bekannt. Der NPD-Kandidat für die Landtagswahl 2009 lebt in Offenbach.

Einige treffen sich häufig mit Rechtsextremen aus Frankfurt und Darmstadt, besuchen Aufmärsche wie in Dresden und NPD-Feste in Thüringen. „Das Problem ist die hohe Dunkelziffer“, sagt Weiss. Ob und wann diese Personen gefährlich werden und andere, vielleicht Migranten oder Andersdenkende, angreifen, weiß er nicht.

An Springerstiefeln oder Bomberjacke sind sie heute meist nicht zu erkennen. Da nationalsozialistische Symbole verboten sind, nutzen sie Zahnrad, Thorhammer oder Keltenkreuz als Schmuck oder auf dem T-Shirt. Die Kreis-Antifa klärt daher Schüler über die Bedeutung dieser Symbole auf. Die Antifaschistische Gruppe Offenbach empfiehlt Bürgern, der Gruppe Bescheid zu geben, sollten sie rechtsradikale Stickers oder Hetze in Diskussionen bemerken, damit die Organisationsstruktur rechtzeitig erkannt wird.

Interview: „Wir reagieren sofort“

Antje Hagel vom Kickers-Fanprojekt spricht mit Madeleine Reckmann über Versteckspiele im Stadion, Symbole der Rechtsextremen und ihren Kampf gegen Rassissmus und Sexismus.

Frau Hagel, laut Antifa-Gruppe hissen Fans Reichskriegsflaggen auf dem Bieberer Berg, und manche tragen Pullis mit nicht-verbotenen Nazi-Symbolen. Stimmt das ?
Die Beobachtungen sind richtig. So etwas gibt es im Stadion, bei Kickers-Fans aber nicht häufiger als bei anderen. Die Symbole werden so ausgesucht, dass sie nicht verboten werden können. Das ist ja das Prinzip des Versteckspiels. Die Rechtsextremen wollen mit nicht-verbotenen Codes ihre Gesinnung zeigen.

Was kann man dagegen tun?
Der Verein hat wenig Handhabe. Die Stadion-Betreiber und Vereine gehen unterschiedlich damit um. In einigen Stadien sind solche Codes durch die Stadionordnung untersagt. In Offenbach gibt es wie in 46 anderen deutschen Städten das sozialpädagogische Fanprojekt, eine Art Ansprechpartner für Fans. Wir vermitteln günstige Fahrten zu Spielen, helfen bei Problemen mit der Polizei. Wir möchten, dass alle teilnehmen können am „Feeling Bieberer Berg“. Deshalb arbeiten wir auch gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie.

Wie arbeiten Sie gegen rechtsextreme Tendenzen?
Wir stärken die Leute, die etwas gegen die Rechten haben und reagieren sofort, wenn einer sich zu erkennen gibt. Dabei können wir im Stadion nicht überall sein und sind darauf angewiesen, dass Leute uns darauf hinweisen. Als sich einmal Zuschauer beschwerten, dass der Mitarbeiter eines Imbissstands ein T-Shirt mit Nazi-Symbolen trug, haben wir den Verein informiert. Der entschied, dass der Mann das Shirt auszuziehen hatte. Er trug dann Arbeitskleidung für den Rest des Spiels.

Sind Rechtsextreme eine Gefahr im Stadion?
Sie gehen nicht soweit, offen im Stadion Leute zu rekrutieren. Das würden sie an anderen Orten tun, die nicht so gut kontrolliert sind. Wir klären in Schulen, Jugendzentren und bei den Kickers darüber auf, woran Rechte zu erkennen sind. Man muss wissen, mit wem man es zu tun hat.

Hat Ihre Arbeit Erfolge?
Ich denke schon. Es gibt eine hohe Sensibilität, auf Rechtsradikale zu reagieren. Auch bei dem Offenbacher Phänomen, die Frankfurter als „Judde“ zu bezeichnen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp innerhalb der lokalen Rivalität aus der Zeit vor 1933. Wir versuchen das Wort „Die Unaussprechlichen“ dafür zu etablieren. Die meisten Leute wissen, dass „Judd“ nicht okay ist und reden von den Unaussprechlichen. Aber das ist eine Arbeit auf lange Sicht.