[Offenbach Post, 01.11.2010]

…den anderen nur die Hölle

Fundamentalisten-Demo am Marktplatz

Offenbach. Damit die Rollenverteilung in der künftigen Heilsgesellschaft auch bei dieser Gelegenheit klar ist: Ordner trennen Männer und (zum Teil sträflich unverschleierte) Frauen; die einen nach rechts, die anderen nach links. Eine Dreiviertelstunde lässt der Bekehrungsprediger Anhänger und Interessierte warten. Rund 300 meist jüngere Menschen, überwiegend wohl nicht aus Offenbach, dürften’s sein, die Pierre Vogel alias Abu Hamzar hören wollen. Um ein zählbares Ergebnis der Mission des Radikal-Islamisten vorwegzunehmen: Acht Leute beiderlei Geschlechts, treten, ob spontan oder inszeniert, in der Trassenband-Behelfsmoschee über.

Für die Frauen unter ihnen handelt es sich bei der von Vogel/Hamza verbreiteten Variante um einen fundamentalistischen Islam, der ihnen sämtliche Rechte abspricht, Männern das Recht zur Züchtigung zumisst und Steinigung als Strafe für Untreue gutheißt. Aber wer ins Paradies möchte, kommt um diesen Schritt nicht vorbei.

Auf alle anderen, da lässt der rauschebärtige Prediger in Kaftan und Häkelmütze auch am Offenbacher Martkplatz keinen Zweifel, wartet die Hölle. Konvertit Vogel, einst Berufsboxer und mit hörbaren rheinischen Wurzeln, wirft mit seinen Thesen die Angel besonders nach jungen Männern aus. So diese nicht zum zauselbärtigen inneren Kreis gehören, sehen die am Samstag aber meist aus, als seien sie eher in der Türken-Disco denn in der Moschee daheim.

Den Zaungästen des Spektakels zeigt sich eine Menge, die sich durchaus in jener mittelalterlichen Parallelgesellschaft wohlfühlen könnte, die ihr Vordenker auch mit immer wieder eingestreuten Koransuren auf Arabisch beschwört. Den Staat, der ihm das Predigen gestattet, will er durch einen rigiden Gottesstaat ersetzen, die Scharia möchte er einführen, gleichermaßen Evolutionstheorie und Abtreibung geißelt der Mann, für den nur die wörtliche Auslegung des Islam gilt.

„Paul-Gerhard, warum haste das nicht verboten?“, fragt der ehemalige Amtsgerichtspräsident Wilhelm Uhl den Ordnungsdezernenten Paul-Gerhard Weiß. Der entgegnet, dass erfahrungsgemäßg Gerichte das Verbot doch wieder kassiert hätten. Und angesichts der Zusammensetzung der Vogel-Fangemeinde mag man sich in der Tat nicht vorstellen, wenn das Ganze dann in aufgeheizt-aggressiver Stimmung stattgefunden hätte. Dennoch: Die politische Debatte über den Umgang mit öffentlichen Auftritten von Rattenfängern jeglicher Denkrichtung dürfte in Offenbach nicht weitergehen.

Die SPD und die FDP verteilen am Samstag ein gemeinsames Flugblatt gegen Fundamentalismus. Auch auf Türkisch ist zu lesen, dass Rechte nicht von der Religion abhängig und Menschenrechte universal gültig sind, Körperstrafen der Vergangenheit angehören, und hier von Leuten, die Macht über andere ausüben wollen, versucht wird, die Gesellschaft zu spalten. Gestern geißelte die Antifa im Kreis die reaktionären Ideologien, die der Prediger verbreiten durfte: „Der Islamismus ist nationalistisch, sexistisch, antisemitisch, autoritär, rechtsradikal und steht allen bürgerlichen Freiheiten, die eine halbwegs säkulare Gesellschaft mit sich bringt, im Wege.“

Solche Gedanken kämen im Publikum kaum an. Dort hört man stattdessen aus jugendlichem Munde in türkisch-hessischem Tonfall Lob für einen auf zahm machenden Vogel-Vorredner: „Ey, hat ganz gut geredet, gelle, bis auf die Hölle un’ so…“