Aufruf zu den Aktionen gegen Nazis & Kapitalismus am 08. Mai in Wiesbaden

Bedingungslose Kapitulation statt Befreiung!

Naziträume platzen lassen // Den kapitalistischen Alltag angreifen

Scheiss »deutsche Zivilbevölkerung«

Am 08. Mai vor genau 65 Jahren wurde der Zweite Weltkrieg und die auf 1000 Jahre angedrohte nationalsozialistische Barbarei durch eine von den alliierten Streitkräften erzwungene bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht nach »nur« 12 Jahren beendet. Die Ereignisse gingen als »Tag der Befreiung« in die Geschichte ein. Diese Bezeichnung impliziert jedoch die Annahme, dass die »unschuldige deutsche Zivilbevölkerung« durch das NS-Regime unterdrückt wurde und verkennt deren entscheidende Rolle am »reibungslosen« Ablauf des systematischen Genozids an Millionen Jüdinnen und Juden, an als »asozial« und für die »Volksgemeinschaft« schädlich degradierten Menschen sowie an unzähligen politischen Gegner_innen und Widerstandskämpfer_innen. Zwar war der staatliche Unterdrückungsapparat zweifelsfrei gewaltig und äußerst machtvoll, aber weder die Führungsriege der NSDAP, noch deren Schlägertrupps der SA und SS oder der Wehrmacht hätten den Krieg und die Shoa in ihrer derartigen Form vollziehen können, wenn sich die »deutsche Zivilbevölkerung« offensiv gegen sie gestellt hätte. Dass beispielsweise die Luftangriffe auf deutsche Städte die dortigen Bewohner_innen nicht verunsicherte und eine Schwächung der Unterstützung für das nationalsozialistische Regime herbeiführte, sondern eher in einem Volkszorn gegen das von Goebbels proklamierte »Kriegsverbrechen« der »alliierten Terrorflieger« ausartete, macht den unüberwindbaren und durch die Ideologie der »Volksgemeinschaft« gefestigten Kitt zwischen Bürger und Nation deutlich. Statt Reflektion und der Einsicht, dass die Angriffe lediglich eine Konsequenz des expandierenden nationalsozialistischen Terrors waren, wurde eine Opferrolle der Deutschen konstatiert, die bis heute existiert und ihren offenen Ausdruck nicht nur in den NS-relativierenden Parolen der tausenden Neonazis findet, die jedes Jahr zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens aufmarschieren um einen »alliierten Bombenholocaust« zu beschwören und Rache anzukündigen, sondern auch im bürgerlichen Gedenken und der Schaffung eines »Mythos Dresden«. Es bleibt also festzuhalten: Die »deutsche Zivilbevölkerung« wurde nicht vom Nationalsozialismus befreit – durch die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands wurden allemal die »Feinde« der »Volksgemeinschaft« vor weiteren Greueltaten des rassistischen und antisemitischen Wahns der »deutschen Zivilbevölkerung« und der Führungsriege der NSDAP bewahrt.

Reaktionäre Ideologien und kapitalistische Irrationalität

Dass also in diesem Kontext der Begriff »Befreiung« die Niederzwingung des Nationalsozialismus und nicht etwa die Errichtung einer befreiten Gesellschaft meint, sollte klar sein. Denn trotz immenser Emanzipation, die die Zerschlagung Nazideutschlands selbstverständlich mit sich brachte, bleibt festzuhalten, dass das menschliche Individuum in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft noch meilenweit entfernt ist von einem befreiten Leben. Faktische Freiheit und Gleichheit, die es im Nationalsozialismus im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft zweifelsfrei nicht gab, führt dennoch real zu deren genauen Gegenteil; zu Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Ausbeutung und Zwang. Genau diese Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise bieten den Nährboden für jene Ideologien, die im Kern die Ursache der nationalsozialistischen Barbarei darstellten. Nationalismus, Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzungsmechanismen sind kein Zufall, sondern rationaler Bestandteil kapitalistischer Irrationalität. Den zu Konkurrent_innen verkommenen Subjekten geht es im kapitalistischen Wettbewerb und dem Kampf um Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum eben in erster Linie um ihren eigenen Vorteil gegenüber anderen Subjekten, auf der nächsten Ebene um den Vorteil des eigenen konstruierten Kollektivs gegenüber anderen Kollektiven, sei es die »Rasse«, die »Nation«, das »Geschlecht« oder sonstige Zwangsgemeinschaften.

Das Leid und die Ungerechtigkeit, die die Konkurrent_innen Tag für Tag erfahren, führt leider in den seltensten Fällen zur differentierten und reflektierten Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung. Wesentlich häufiger hingegen bringt dieser Unmut eine Personifizierung oder Ethnisierung kapitalistischer Produktions- und Zirkulationsprozesse mit sich, die strukturell oder offen antisemitische Argumentationsmuster zur Folge haben. Während die Nazis der NSDAP zwischen »schaffendem Kapital«, also der »guten, deutschen Arbeit«, und dem »raffenden Kapital«, sprich der »jüdischen Nichtarbeit« unterschieden und von den »Geldjuden« schwadronierten, die die Zügel der Ökonomie in ihren Händen hielten und somit für das durch den Kapitalismus hervorgebrachte Elend verantwortlich waren, bleibt heutzutage selbst vermeintlich »linke« Kapitalismuskritik nicht vor antisemitischen Klischees verschont. Wer ein abstraktes gesellschaftliches Verhältnis wie den Kapitalismus verkürzt kritisiert, personifiziert und die Schuld an Ausbeutung und Ungerechtigkeit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zuschreibt, dessen Krisenlösungsstrategien dürften sich wohl kaum großartig von denen der Nazis unterscheiden, welche mit dem Ziel der Vernichtung des „raffenden Kapitals“ eine systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden zu Folge hatte.

Naziträume platzen lassen

Die von den Neonazis proklamierten Inhalte sind nur eine radikalisierte Form jener Ideologien, die der bürgerlichen Gesellschaft immanent sind und durch den Modus kapitalistischer Vergesellschaftung selbst immer wieder produziert und reproduziert werden. Antifa muss deshalb immer der Kampf gegen das bestehende Ganze bedeuten: Wir wollen sicherlich nicht die »freiheitlich demokratische Grundordnung«, also jene Art der gesellschaftlichen Organisierung, die für das Entstehen reaktionärer Ideologien verantwortlich ist und dessen ungeachtet durch die Zwänge kapitalistischer Verwertung auch nichts mit einer befreiten Gesellschaft nach unseren Vorstellungen zu tun hat, vor den Nazis verteidigen. Wir wollen auf lange Sicht das menschenverachtende Konstrukt aus Staat, Nation und Kapital überwinden – dies ist allerdings nur durch die kritische Auseinandersetzung mit den herrschenden Verhältnissen zu bewerkstelligen. Um diese Reflektion allerdings erst zu ermöglichen, bedarf es einiger garantierter Grundrechte – so ist es in der BRD wohl sicher um einiges leichter, Gesellschafts- und Staatskritik zu leisten, als beispielsweise im Iran. Es ist daher unerlässlich, den derzeitigen gesellschaftlichen Status quo gegen jegliche Regression, die diese Möglichkeiten zur kritischen Analyse und Reflektion verhindern wollen, auch im kleinen Rahmen zu verteidigen und den Nazis deutlich zu machen, dass wir sie nicht ungehindert ihre nationalistische, rassistische und antisemitische Hetze auf die Straße tragen lassen. Wir rufen euch deshalb dazu auf, am 07. Mai gegen Nazis und bürgerlichen Geschichtsrevisionismus auf die Straße zu gehen und am 08. Mai den Naziaufmarsch in Wiesbaden zu verhindern.

» 07. Mai \\ 18 Uhr \\ Antifaschistische Vorabenddemo \\ Alte Viehverladerampe (Schlachthof) \\ Wiesbaden «

» 08. Mai \\ Naziaufmarsch verhindern \\ Wiesbaden Hauptbahnhof «

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